20 Jahre Copenhagen Fashion Week: Ballett-Looks, transparente Schichten und neue Accessoires prägen Frühjahr/Sommer 2027
Im Modekalender liegt der August meist zwischen den Saisons: zu früh für Herbsteinkäufe, zu spät für Sommerneuheiten. Die Copenhagen Fashion Week vom 3. bis 7. August hat sich eine andere Rolle geschaffen. Kopenhagen ist die erste große Stadt mit Frühjahr/Sommer-Kollektionen. Bei der Ausgabe zum

Im Modekalender liegt der August meist zwischen den Saisons: zu früh für Herbsteinkäufe, zu spät für Sommerneuheiten. Die Copenhagen Fashion Week vom 3. bis 7. August hat sich eine andere Rolle geschaffen. Kopenhagen ist die erste große Stadt mit Frühjahr/Sommer-Kollektionen. Bei der Ausgabe zum 20. Jubiläum vermittelten mehr als 34 Shows und Präsentationen eine ungewöhnlich einheitliche Botschaft: Frühjahr 2027 wird ausdrucksstärker, persönlicher und verspielter als zuletzt – ohne das praktische, fahrradtaugliche Alltagsgefühl aufzugeben, das skandinavischen Stil prägt.
Drei Trends waren die klarsten Signale für internationale Leser. Alle lassen sich leichter in Alltagsgarderoben übertragen, als Laufstegbilder vermuten lassen.
**Ballett- und Tanzkleidung verlassen die Bühne.** Baum und Pferdgarten nannte seine Kollektion „After the Rehearsal“ und zeigte Stulpen, Ballettschläppchen, Capri-Leggings und von Tutus inspirierte Gürtel. Sie wurden mit lockerer Sportkleidung der 1990er-Jahre statt mit wörtlichen Tanzkostümen kombiniert. Anne Sofie Madsen griff die Stimmung von Tänzern nach der Probe mit transparenten Stoffen, sichtbaren BH-Trägern und flachen Tanzschuhen auf. Caprihosen, die meistdiskutierte Silhouette der Saison, erschienen vielerorts: präzise und elegant bei Mfpen und The Garment, lebhaft bedruckt bei Caro Editions und OpéraSport. Auch Stulpen verließen den reinen Trainingskontext; mehrere Designer kombinierten sie mit Anzugmode, Pailletten und Kitten Heels. Es geht nicht um Balletcore von Kopf bis Fuß. Ein Tanzteil genügt, um Proportion und Stimmung zu verändern: Stulpen zum klar geschnittenen Blazer oder eine Caprihose zu schlichtem Strick.

**Transparenz wird erwachsen.** Transparente Stoffe legen seit mehreren Saisons zu, wurden bei CPHFW SS27 aber vom provokanten Abendlook zum vielseitigeren Stylingmittel. OpéraSport, The Garment, Anne Sofie Madsen und Stine Goya zeigten transparente Maxikleider, schräg zugeschnittene Satin-Slipdresses und durchscheinende Stoffe mit Blumenapplikationen. Häufig lagen darunter sichtbare Bloomers, Shorts mit Spitzenbesatz oder négligéartige Unterkleider. Unterwäsche als Oberbekleidung wirkte damit bewusst statt zufällig. By Malene Birger kehrte nach sechs Jahren unter der neuen Kreativdirektorin Emilie Martinsen-Kønigsfeldt in den offiziellen Kalender zurück. Die Kollektion folgte dem Tag einer Frau von klarem morgendlichem Weiß bis zu sattem Abendschwarz und enthielt transparente Abendteile mit Anklängen an die 1990er-Jahre. Entscheidend ist die Stylinglogik: Transparenz ist eine Textur zum Schichten statt eine alleinstehende Aussage. Eine durchscheinende Bluse unter einem lockeren Sakko oder ein transparenter Rock über Anzugshorts bieten Einstiege für unterschiedliche Altersgruppen, Körperformen und Klimazonen.
**Accessoires spielen die Hauptrolle.** Jahrelang schien ein gutes Outfit nur eine perfekte Tasche und das richtige Schuhpaar zu brauchen. CPHFW SS27 schlug das Gegenteil vor: Accessoires werden zahlreicher und eigenwilliger. Pillbox-Hüte erschienen auf und neben dem Laufsteg, oft mit darunter oder darüber gebundenem Tuch. Broschen – floral, gehäkelt oder organisch wie Gräser geformt – steckten an Pullovern, Jacken und Kleidern. FashionUnited beschrieb es als Durchbruch für die Kategorie. By Malene Birger zeigte Kummerbunde mit Fransen an der Taille. Skall Studio und Baum und Pferdgarten banden Tücher und Rüschen um die Hüften. Ohrringe bis zum Kinn, zierliche Perlenketten und Sonnenbrillen mit klaren Gläsern setzten leise Akzente. Nach Saisons bewusst sparsamer Accessoires, in denen laut Quiet Luxury eine gute Tasche genügte, verortet SS27 persönlichen Stil in den Details statt in den teuren Hauptstücken.

Diese drei Richtungen verbindet keine einzelne Ästhetik, sondern eine Haltung, an der Kopenhagen seit zwei Jahrzehnten arbeitet: Mode soll bewusst gewählt wirken und zugleich eine Fahrradfahrt überstehen. Die FT beobachtete Gäste „mit Fahrradöl am Saum der Prada-Hose“. Darin liegt etwas Wesentliches. Kopenhagens globaler Einfluss beruht nicht nur auf Silhouetten, sondern auf dem Beharren, dass Stil und Praktikabilität keine Gegensätze sind. Hillary Taymour von Collina Strada nannte die hiesige Veranstaltung „die einzige nachhaltige, fürsorgliche Fashion Week der Welt“. Ihre verbindlichen Nachhaltigkeitsanforderungen betreffen Materialien, Showproduktion, Arbeitsbedingungen und unverkaufte Bestände. Diesen Rahmen übernimmt inzwischen das NEWGEN-Programm der London Fashion Week; er beeinflusst auch Oslo, Berlin und Amsterdam. Dahinter steht dieselbe Haltung: Kleidung muss in der Welt funktionieren, nicht nur auf Fotos.
Für internationale Leser in New York, London, Sydney und anderswo sind die Kopenhagener SS27-Signale nützlich, weil sie früh kommen und leicht übertragbar sind. Stulpen oder Caprihosen verändern eine Silhouette ohne neue Garderobe. Eine transparente Schicht ergänzt Textur ohne zusätzliche Wärme – relevant für warme Frühlingsregionen wie für nördliche Übergangszeiten. Eine Brosche oder ein Pillbox-Hut kostet weniger als ein neuer Mantel und macht ein Outfit stärker zum eigenen. Das sind konkrete Styling-Entscheidungen mit niedriger Einstiegshürde und hohem Ertrag an Individualität: eine Moderechnung, die funktioniert, wenn Budgets knapp sind, der Wunsch nach Persönlichkeit aber groß bleibt.
Die Copenhagen Fashion Week zum 20. Jubiläum brachte keinen einzelnen Schlagzeilentrend hervor, sondern etwas Nützlicheres: Werkzeuge für mehr Freude, mehr Textur und mehr eigene Persönlichkeit beim Anziehen, ohne die praktische Seite hinter sich zu lassen.